Ich habe eine Geschichte davon, und zwar die Geschichte "Mutig", im Rahmen meiner Psychotherapie-Fachausbildung kennengelernt und möchte sie mit euch teilen, weil ich sie so schön finde. Eine Geschichte über Freundschaft und Mut. Damit ihr sie anhören könnt, habe ich sie für euch eingesprochen (mp3). Mutig
"Grä-gä", keckert die Elster hoch im Baum. "He? Was sehe ich da? Sehe ich einen Wolf? Sehe ich ein Lamm? Und der Wolf frisst das Lamm nicht auf?" "Natürlich nicht", ruft Lamm nach oben. "Wir sind Freunde." "Ein Wolf der Freund eines Lamms?", kreischt die Elster. "Dass ich nicht lache. Dann ist der Wolf eine Niete." "Pass auf, dass dich der Wolf nicht erwischt!", ruft Lamm nach oben. "Nicht wahr, Wolf. Jetzt schnappst du dir die Elster." "Nein", sagt Wolf. "Nein?" Lamm blickt erstaunt. "Warum nicht?" "Weil sie womöglich Recht hat", sagt Wolf leise. "Vielleicht bin ich eine Niete." "Und warum?" "Ich bin ein feiger Wolf", flüstert er. "Manchmal fürchte ich mich sehr." "Du?", ruft Lamm. "Ängstlich? Wann denn?" "Morgens", sagt Wolf. "Nicht jeden Morgen. Nicht oft, aber manchmal. Wenn ich im Bett liege und aufwache." "Wovor hast du denn Angst?" "Vor dem, was vielleicht geschehen wird." "Was wird denn vielleicht geschehen?" "Manchmal denke ich", sagt Wolf, "dass es kein Morgen gibt, dass es immer heute bleibt. Immer heute, immer dasselbe." "Na, so was", sagt Lamm. "Das denke ich nie." "Ich schon", sagt Wolf. "Und dann fürchte ich mich. Manchmal denke ich, dass es regnet und der Regen nie aufhört." "Merkwürdig. Das denke ich nie", sagt Lamm. "Ich schon. Manchmal. Dann fürchte ich mich. Vielleicht geht heute die Sonne unter und kommt nie wieder. So was denke ich." "Unsinn", sagt Lamm. "Und dann fürchte ich mich so sehr, dass ich am liebsten im Bett bleiben möchte." "Und dann?" "Dann nehme ich mich zusammen und stehe doch auf." "Aber Wolf, du bist gar nicht feige." "Nein?", fragt Wolf. "Nein. du tust das, wovor du dich fürchtest. Du bist nicht feige. du bist sehr mutig." "Das stimmt!", sagt Wolf überrascht. "Das ist wahr." Und er wirft sich in die Brust. "He, du da!", ruft Lamm nach oben. "Hast du das gehört? Wolf ist der mutigste Wolf auf der ganzen Welt. Und dieser mutige Wolf ist mein Freund." "Schon gut, Lamm", sagt Wolf. "Ich bin dein Freund und du bist mein Freund." Kuipers (2001) Immer und überall mutigDu findest dich nicht so mutig, wie der Wolf in der oben angeführten Geschichte, weil du bemerkst, dass du gewisse als unangenehm erlebte Gedanken, Gefühle, körperliche Empfindungen, Situationen vermeidest? Achtung: Ich finde es absolut verständlich und überaus menschlich, etwas Unangenehmes nicht erleben zu wollen. Sich diesem "Unangenehmen" nicht auszusetzen, sich davor zu schützen, ist ein ganz natürliches Streben aller Lebewesen. Wir müssen nicht immer und überall "mutig" sein! Vermeidungsverhalten kann eine wichtige Funktion haben - nützlich und sinnvoll sein. Wenn wir beispielsweise vermeiden mit jemanden mitzufahren, der betrunken erscheint oder uns ab und an nach einer anstrengende Arbeitswoche mit vielen intensiven Sozialkontakten bewusst zwecks Erholung auf unser "Ich-Standbein" zurückziehen, dann ist diese Art von "Vermeidungsverhalten" hochfunktional und erweist uns womöglich einen guten Dienst. Sekundäres LeidFalls Vermeidungsverhalten jedoch zur Regel wird, das heißt gewisse Vermeidungsmuster - zB die Vermeidung von Kritik, Angst im Rahmen von "Bewertungssituationen", wie Prüfungen - immer wieder, starr und automatisiert eingesetzt werden, dann könnte es an der Zeit sein, sich Unterstützung zu holen - und das erfordert ja bekanntlich auch viel Mut. Denn diese Form von dysfunktionaler Erlebnisvermeidung ("experiential avoidance") kann hohes "sekundäres Leid" erzeugen. Beispielsweise wenn vermeintlich zu vermeidende Gefühle sogar noch intensiver werden ("rebound-Effekte") oder diejenige/derjenige aus Angst vor einer Panikattacke soziale Situationen meidet und dadurch sukzessive vereinsamt. Lebendiges LebenEine derartige Erlebnisvermeidung kann uns daran hindern unsere "Wichtigkeiten" zu verfolgen, ein "wertorientiertes Leben" zu führen, da ein solches immer (!) auch "Stationen von Enttäuschungen und Anstrengungen" beinhaltet (Lotz, 2016). Quellen
0 Kommentare
Antwort hinterlassen |
AusrichtungIn diesem Blog verschriftliche ich hilfreiche Impulse im Zusammenhang mit meiner Tätigkeit im Life- & Business-Coaching, Counseling, Sparring: Persönliche Erlebnisse, Inspirationen, konkrete Anregungen für Ihren persönlichen Weg der Selbstsorge und ein gutes Miteinander.
Falls Sie lieber hören, statt lesen - gerne! Ausgewählte Beiträge stehen Ihnen auch im OriginalWerk Podcast "Selbstsorge-Impulse" zur Verfügung. Informationen zum Angebots-Spektrum von OriginalWerk, sowie meinem Hintergrund finden Sie unter:
www.OriginalWerk.at Viel Freude beim stöbern wünscht Ihnen, Mag. (FH) Gregor Butz Archiv
Dezember 2025
Kategorien
Alle
|

RSS-Feed